temeres
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06.01.2010, 14:51 |
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Es ist schon 21 Uhr und beinahe zu spät. Wir sind zu dritt nach der Arbeit im leichten Schneefall unterwegs, ins Restaurant Dolce Vita, das liegt nicht weit vom Center entfernt. Der Asphalt ist glatt wie eine frisch besprühte Schlittschuhbahn, was keine leichte Sache ist, und so tippele und rutsche ich hinter Paul und Gerald, die sich eingehakt haben, über den Marienplatz. Die alten Knacker, sie haben Angst auf den Steiß zu fallen und übers freie Wochenende ihre Hintern ins Schmerzgelee salben zu müssen, zu recht, sage ich mir. Wir sind gut beschäftigte Steuerberater und froh, dass morgen, Samstag, nichts anfällt, keine Überstunden und so. Das Jahr soll gemütlich ausklingen und gut ist.
Beide Kollegen sind bejahrt wie ein Mittelalter, na ja, und ein paar Jahre baufälliger und erfahrener als ich. Paul ist Witwer und lange im Beruf, von Jahresanalysen bis Treuhandsachen zuständig; Gerald ist nicht so lange dabei, er hängt sich faul in seine Fachgebiete rein, derzeit meist Steuerberatung. Aber nach der Arbeit reden wir selten über den Job. Gerald bräuchte so oder so einen Blindenhund und der würde ihn vermutlich saftig in die Wade beißen.
Mein Verantwortungsbereich heißt neuerdings Testamentsvollstreckungen. Ich sag das nicht morbide oder sarkastisch, falls das einer denkt, ich mag Testamente sogar ganz gerne.
Die zwei vor mir steuern also zielstrebig über den Marienplatz und ich aufs kalte Eis hinterher ins feine Restaurant, wo Tische stehen wie in einer Kaserne, wo es weiße Tischdecken hat mit päpstlicher Serviettentiara und rechts eine lange Fensterfront, die nicht lohnt. Schwere Teppichböden verschlucken sich am indirekten Licht hinter einer Stufe an der Decke, sodass sich am Eingang Wellen bilden, zum Stolpern nobel, sag ich mal.
In einem Nebenraum, fast besetzt und kühl klimatisiert, sehe ich Céline mit zwei Frauen beim Essen plaudern. Ich erkenne sie mühelos. Ihr Geigenkoffer steht auf einem Stuhl. Sie spielt also noch.
Ich spüre den Impuls zu gehen und sage mir, nein, das machst du nicht. Du hast es in der Hand. Und so ist es ja auch. Zumindest auf den letzten Blick, wenn man länger hinsehen mag. Und ich will ja, aber der fliehende Gedanke, dass wir im Laufe des Abends nach langer Zeit wieder miteinander sprechen, ist nicht einfach zu haben und doch gleich da. Wir waren zehn Jahre zusammen und sind fast zwölf Jahre getrennt. Sie kam damals aus Straßburg, sechzehn Jahre jung, als Austauschschülerin.
Céline ist nicht vergessen. Nicht die Céline, die zweimal in die Küche geht, um eine Flasche Wasser doch nicht zu holen, eher schnell Geschirr wegräumt, alte Zeitungen liest, den Briefkasten leert, Zähne putzt, die Brille im Bad entdeckt, bis sie wieder auf dem Sofa sitzt, ziemlich durstig zerknirscht, aber mit der Bitte bei mir: „Kannst du es mal versuchen?“
So war das mal und fliegt mich an, als wir unsere Mäntel an die Garderobe hängen und in den Nebenraum gehen. Jedenfalls Gerald und ich. Paul plaudert noch mit einer dunkelhaarigen Schönheit an der Bar, mit einem Wunschbild, das ihm letztes Jahr eine knallrote Enttäuschung serviert hat. Céline nippt an ihrem Wein und fährt sich durch ihr kurzgeschnittenes Haar als wir reinkommen.
Ich erinnere mich - auch in Bildern. Ich betrachte alles vorsichtig, feile an unseren Schwächen und Stärken, aber seit Jahren zügiger. Ich sage mir, Zeit nimmt dein Anteil und gibt meist Lücken zurück. Tausend Vorgänge und Nachgänge. Und dann, irgendwann, versucht man, mit der einen oder anderen geschönten Version, sich zu einigen. Ich erinnere mich gern melancholisch an Céline, in einer Schlange verhüllt.
Als sie mich sieht und erkennt - erschrocken, erstaunt - schwer zu sagen, sinken ihre Augen rasch nach unten. Aber da bleiben sie und gehen eine Zeit nach innen.
Wir nehmen den einzigen freien Tisch und werden nicht hingeführt. Gerald reibt seine Hände warm, sitzt bereits und überlegt laut, was er jetzt essen könnte; er ist noch nicht fett und schreit nach keiner Diät. Er liest die Speisekarte auswendig - wie ein Genießer, während die Speisekarten noch auf sich warten lassen. Er ist ein echtes Phänomen und kann im Bett neun belegte Brötchen verschlingen, so gierige Dinge halt, die mit Magenschmerzen nicht einfacher werden.
Ein paar Minuten vergehen, dann setzt sich Paul zu uns und erzählt seine neuste Abfuhr; er ist einer, der anscheinend immer genügend Abstand hat. Ich weiß nicht, wie er es macht.
Ich male mir bereits aus, was wohl in Céline nachgeht. Aufgemachte Jahre. Wie sie sich heute über uns greifen, wenn sie ein altes Fenster öffnet.
Paul jedenfalls hat die Fensterfront im Rücken und Gerald Céline, während ich Céline verloren vor mir sehe, keine fünf Meter entfernt, eine Frau, die ich seit Jahren nicht mehr spreche. Ich erkenne sie gesprächig zwischen ihren Bekannten, die mir unbekannt sind.
Ich habe zwar vergessen unseren Tisch vorzubestellen, aber wir haben ein fadendünnes Glück zur rechten Zeit und lächeln uns an, weil wir gemütlich sitzen. Die Speisekarten liegen vor uns und mit dem nächsten Pulk, der hereindrängt, haben wir bereits bestellt. Morgen wollen wir auf einen Wein losschlenkern, aber wöchentlich gönnen wir uns ein anständiges Essen, große weiße Teller, nichts drauf, aber das extrem kulinarisch. Stolzes Mahl. So ein auf der Zunge zergehendes Vitello Tonnato, feine gefüllte Zucchiniblüten und Pasta mit Muscheln. Ohne Styroporschachteln. Inzwischen fühle ich mich so weit ganz gut - zweiter Bildungsweg, Referenzen, unbefristeter Arbeitsplatz.
Ich trage noch Anzug und weißes Hemd von der Arbeit. Céline Jeans und schwarzer Rolli wie eh und je. Beim Warten auf das Essen denke ich korrigierend an uns, ich füge hinzu und lasse weg, dass ich zum Teil gemacht, was sie gewollt hatte, streiche unsere Ausbrüche beiseite und ändere, was ich nie verstand.
Gerald fragt: „Was schaust du die ganze Zeit?“
Er dreht sich um. Sie lästern, aber ich höre gern zu. Sie necken und sagen Samtheini zu mir, wenn ich Céline ansehe. Paul und Gerald wissen wenig von mir. Sie fragen einen nicht viel, wenn überhaupt. Ich trau mich auch selten und so wissen wir alle nur zwei Lacher mehr als nötig voneinander.
Mir fällt ein, wie Céline anfangs aus dem Zug sprang, wie sie, wenn sie wegfuhr, einen Lippenstiftabdruck am Fenster ins rote Milieu setzte, dass mir ganz schlecht wurde vor Freude und Abschiedstränen. Wie sie endlich in Deutschland blieb und hier studierte, aber nur Geige spielen wollte.
Ach, das weckt mich irgendwie alles auf, ich habe kaum noch Appetit als das Essen kommt. Ihre neue Art, wie sie sich bewegt, so anders, ich komme nicht klar damit. Sie scheint mir eingefallen um die Nase, gestresst, ziemlich weiß im reiferen, aber echt schönen Gesicht. Céline lächelt verglitzert wie weißer Schnee von gestern und ich bin wirklich ein Samtheini.
Es dauert seine Zeit, bis Céline mich wieder ansieht. Sie macht es nachdenklich, während ihre schmalen Schultern einen winzigen Flügelschwung schelmisch sinken. Sie raucht wieder, steht auf, läuft vorbei, als sie zum Zigarettenautomat geht, und nochmals auf dem Rückweg.
Sie trinkt einen Kaffee und hört ihrer Tischnachbarin zu, als ich mich zu fragen beginne, warum wir uns begegnen, warum sie hier ist, was sie beruflich macht, aber vor allem, ob sie solo ist, ob sie Kinder hat, was aus ihrem Vater geworden ist, ob sie vom Geigespielen leben kann und, na ja, was morgen sein wird, wenn wir heute sprechen … und antworte mir, dass ich sie nachher tatsächlich ansprechen werde, aber allein.
Gerald empfängt ungeduldig sein Dessert, einen einsamen runden Eistellerflug für die Nacht, mit zwei roten, glänzenden, feuchten Kirschen am Tellerrand. Er sieht verschlungen aus, als Paul einen Schnaps kippt und der Bar nicht ansieht, was seine dunkelhaarige Schönheit macht. Ich kann das nicht mit ansehen.
Ich will Céline immer dringender sprechen, am besten, wenn sie zur Toilette geht; das kann nicht mehr lange dauern, ihre Blase reichte früher kaum für eine Tasse Kaffee und zehn Minuten. Ich beschließe, sie an der Bar anzusprechen, spätestens, wenn die ersten gehen, aber noch sieht es nicht danach aus. An meinen Mundwinkeln hängt Tiramisu, Kakaopulver und weiße Creme. Gerald macht mich darauf aufmerksam und bietet mir an, meinen Teller zu übernehmen, wenn ich will. Ich will alles, wische mir an der gestärkten Serviettenlaune meine Winkel ab, spähe nach Céline, versuche, ihre Stimmung einzuschätzen, weil ich sie so anders unbekannt finde, Fremdes beobachte, zum Beispiel ihre aufrechte Haltung, die ich seltsam finde. Ich sehe sie schnäuzen, husten, Wasser trinken und dann plötzlich still und etwas unsicher werden.
Céline steht langsam auf, lässt ihre Zigarette im Aschenbecher, geht an mir vorbei, ein wenig vorsichtig, mit einem Blinzeln ins Licht oder zu mir, sodass ich aufstehe und hinter ihr her gehe.
An der Bar warte ich auf sie. Ich warte, weil ich warten kann, wie die Zeit, die auf alles steht, was sie ausziehen kann. Sie ringt in meinen Hosentaschen mit Hochzeitsreifen, die wir nie hatten. Sie flattert, rast, bläht sich auf und verschwindet auf Nimmerwiedersehen - während ich bei Fuß stehe, geduldig, vernünftig.
Ich warte arglos als ihr Herz steht und ihr Kopf aufschlägt. Ich bestelle ein Glas Wasser, während eine winzige Blutflocke in Céline nicht weiter fließen kann, frage mich, warum sie wohl so lange braucht, ganz geehrt, ob sie sich hübsch macht, was sie sagen und ich hören will, sehe Grünpflanzen neben mir, kleine Biotope an der Bar; gar nicht klein, jetzt, von nahem, weiß angestrahlt. Ein grellgrünes Blätterleuchten unter jedem Lichtkegel als Céline nicht aus den Toilettenräumen zurück kommt.
Die eine oder andere Frage hat mir ihr Vater nach der Beerdigung beantwortet. Ihre Geige habe ich an mich genommen, aber das ist einigermaßen gelogen. Solche Violinen spielen nur Wörter. |
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