In tiefen Wäldern, in dunklen Höhlen oder an wilden Bächen lebten im alten Griechenland die Sibyllen, weissagende Frauen, die ihren Aktivitäten unabhängig von Tempeln und Priestern nachgingen. Die Ältste, so die Überlieferung, hieß Herofilea, und man schrieb ihr eine gewisse Verwandtschaft mit Apoll zu, obgleich sie für andere wiederum die Tochter eines Fischers – und einer Nymphe war.
Zwischen den Städten Marpessos und Erythrai, beide in Kleinasien, entbrannte einst Streit darüber, welche von beiden Herofileas Geburtsstätte war. Erythrai gewann den Streit, und ihr Name ging mit dem der ersten Sibylle in die Geschichte ein. Etymologisch betrachtet, bedeutet der Name Sibylle, so vermutet man aufgrund ihrer weissagenden Fähigkeiten, “weise Frau”. Wie dem auch sei, stellte sich bald heraus, dass sich die Zahl der Sibyllen rasch vermehrte. So soll es zuletzt zehn Sibyllen gegeben haben, und zwar die persische, die lydische, die Sibyllen von Delphi, Cimeria, Erythrai, Samos und Cumae, die Sibylle vom Helespont, die Frigia und die Sibylle von Tibur.

Dort heißt es auch, dass die Sibylle von Cumae eines Tages Lucius Tarquinius Superbus, dem Hochmütigen, dem letzten König von Rom (534- 510 v. Chr.) neun Bücher feilbot, die die Weissagungen der Sibylle von Erythrai enthielten. Sie verlangte dafür 300 Goldstücke, was dem Tarquinius übertrieben erschien. Daraufhin verbrannte die Sibylle vor seinen Augen drei der Bücher und verlangte für die sechs verbliebenen wieder den Preis, den sie zuvor für alle neun verlangt hatte. Auf den Spott des Monarchen hin verbrannte sie drei weitere Bücher und verlangte für die drei letzten wiederum den erstgenannten Preis. Tarquinius erwarb sie schließlich und nahm sie mit nach Rom, wo sie im Kapitol aufbewahrt wurden, was für die endgültige Anerkennung und das Ansehen der Sibyllen von entscheidender Bedeutung war.







